Gott findet mich wertvoll
Psalm 139 ist der heutige Text. Ihr habt euch gewünscht Psalmen zu
behandeln. Vorschläge für eine Überschrift könnten sein: „Gott kennt
mich durch und durch.
“ „Gott sieht alles.“ „Gott durchschaut mich.
Nichts ist Gott verborgen.“ „Gott weiß alles.“ Ist das eine gute
Nachricht oder muss uns das Angst machen? Tröstet es dich, dass Gott
alles sieht oder beunruhigt es dich?
Für mich ist Psalm 139 ist ein wunderbarer Trostpsalm. Ein großes
Zeugnis von der Geborgenheit, die wir in Gott haben dürfen. Eine
Erinnerung, dass Gott um die kleinsten inneren Regungen bei uns weiß
und auch die großen Zusammenhänge unseres Lebens in seiner Hand
hat.
Ich lese mal die ersten sechs Verse:
1 Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch. 2 Ob ich
sitze oder stehe – du weißt es, aus der Ferne erkennst du, was ich
denke. 3 Ob ich gehe oder liege – du siehst mich, mein ganzes Leben ist
dir vertraut. 4 Schon bevor ich anfange zu reden, weißt du, was ich
sagen will. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine
schützende Hand über mir. 6 Dass du mich so genau kennst, übersteigt
meinen Verstand; es ist mir zu hoch, ich kann es nicht begreifen!

Dass Gott alles von uns weiß, ist für uns ein ungeheurer Trost. „Du
erforschst mich!
“ hat Martin Luther übersetzt. Die Gute-Nachricht-Bibel
übersetzt „Du durchschaust mich!“ „Du suchst mich immer!“ könnte
man gut übersetzen. Gott ist immer auf dem Weg zu mir. Wenn ich ihm
begegne, dann sieht er mir gerade in die Augen, wie es mir geht. Er liest
meine Mimik. Er hört mein Herz ab, was ich gerade fühle. Er kennt
meine letzten Schritte, wo ich herkomme, was mich beschäftigt, was
mich freut oder unruhig macht.
Vielleicht verstehe ich mich selbst gerade nicht. Ich bin durch den Tag
gehetzt, habe meine eigenen Gefühle verdrängt. Vielleicht ist mein Kopf
noch voller Bilder und Ereignisse. Ein Gedanke löst den anderen ab. Ein
Gefühl löst das andere ab. Gott ist jede kleine innere Regung
mitgegangen. Ich muss mich noch ordnen; Er sieht und weiß schon
alles.
Und überall kommt dann Seine Liebe hin. Darum tut es so gut. Überall
kommt der heilige Gott hin, der mich liebt. Es gibt keinen Moment in
unserem Leben, in dem wir ohne Tadel, ohne Schuld, perfekt und
fehlerfrei vor Gott stehen. Aber der heilige Gott erforscht mich und findet
mich mit seiner großen Liebe.
Gott kommt mir immer in Liebe entgegen. Mehr noch: Mir wird bewusst,
dass Er die ganze Zeit bei allem in seiner Liebe an meiner Seite war. Ich
sitze oder stehe, ich liege oder gehe, ich esse oder trinke, ich lache oder
bin einsam: Er ist da. Gott ist immer nahe.
Gerade, dass es der heilige Gott ist, der alle Ungerechtigkeit an mir
sieht, der mich findet und mich liebt, das tröstet mich. Da wird nichts
billig zugedeckt!! Da muss ich nichts verstecken! Selbst wenn Er mir die
Augen öffnet und ich etwas erkenne, wo ich schuldig geworden bin: Es
ist gut. Es tut gut. Ich komme an, wo ich hingehöre. Bei meinem Vater im
Himmel. Ich bin angenommen. Ich werde durchflutet von dem Gott, der
mich liebt.
Gott ist uns näher als unser Unterhemd. Er sieht mich und Er leitet mich.
Das kann man nicht beweisen, aber das kann man erleben. Er führt
nicht alle gleich, klar! Er leitet jeden und jede sehr individuell, weil Er
uns kennt.
Ich lese weiter Vers 7-12
7 Wie könnte ich mich dir entziehen; wohin könnte ich fliehen, ohne dass
du mich siehst? 8 Stiege ich in den Himmel hinauf – du bist da! Wollte
ich mich im Totenreich verbergen – auch dort bist du! 9 Eilte ich dorthin,
wo die Sonne aufgeht, oder versteckte ich mich im äußersten Westen,
wo sie untergeht, 10 dann würdest du auch dort mich führen und nicht
mehr loslassen. 11 Wünschte ich mir: »Völlige Dunkelheit soll mich
umhüllen, das Licht um mich her soll zur Nacht werden!« – 12 für dich ist
auch das Dunkel nicht finster; die Nacht scheint so hell wie der Tag und
die Finsternis so strahlend wie das Licht.

Finsternis ist wie das Licht.
Der Beter des Psalms unternimmt den Versuch, sich gedanklich von Gott
zu entfernen. Vielleicht hat er auch Situationen vor Augen, in denen er
Gott nicht vor die Augen treten wollte. Vor Gott aber kann man nicht
fliehen. Adam und Eva haben versucht, sich zu verstecken. Keine
Chance. Jona wollte Gottes Willen nicht tun und wollte fliehen. Keine
Chance.
Nehmen wir den Himmel als Beispiel. Ganz oben. So weit oben wie man
es sich nur vorstellen kann. Oder nehmen wir das Totenreich als
Beispiel. Ganz unten im damaligen Weltbild. Weiter unten geht gar nicht.
Du kannst mit der Morgenröte bis ans Ende der Welt fliegen, Du kannst
bis an die Enden der Meere fliehen. Gott ist auch da. Er ist schon vor dir
da.
Ihr kennt das Märchen von dem Hasen und dem Igel, oder? Der Igel
fordert den Hasen heraus. „Ich bin schneller als du!“ Sie machen einen
Wettlauf. Die Frau des Igels versteckt sich am Ziel. Hase und Igel laufen
los. Der Hase wähnt sich weit im Voraus. Als er aber ankommt, sitzt der
Igel schon am Ziel und sagt: „Ich bin schon da.“ – „Ich bin schon da!“
sagt Gott, egal wo du hingehst. Du wirst Gott nicht los! Er sieht und
weiß alles! Es gibt keinen gottlosen Ort, wo Gott uns nicht finden
würde!

Was daran so tröstlich ist? Gott geht uns nach. Gott gibt uns nicht
auf. Es ist Gott, der uns immer wieder findet und festhält. Er ist der
aktive Part in unserer Beziehung. Niemand würde bei ihm bleiben,
wenn er uns nicht finden und halten würde, wo wir uns verlaufen
haben.

Gott findet uns im Himmel, bei den Toten, am Ende der Meere. Und
dann setzt er sich nicht tatenlos an unsere Seite. Er liebt dich
zurecht. Er führt dich heraus. Er greift deine rechte Hand, hilft dir
aufstehen und Seinen neuen Weg finden. „So würde auch dort
deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Bekennt
der Beter in Vers 10.
Wenn ich sage „Finsternis möge mich decken!“ Es ist alles aus. Ich kann
oder will nicht mehr. Es gibt keinen Ausweg, kein Licht am Ende des
Tunnels. „Nacht statt Licht soll um mich sein!“ „So wäre auch Finsternis
nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist
wie das Licht!“ (Vers 12)
Es gibt dunkle Tage. Schlimme Tage. Da packt uns die Angst. Wir sehen
nur das Schlechte, das Dunkle. Wir geraten in Panik oder in tiefe Trauer.
Wir verlieren allen Mut. „Nacht statt Licht soll um mich sein!“ sagen wir.
Und Gott macht ein Licht an. Ich kann weitergehen. Sein Licht
reicht. Mitten in der Nacht erleben wir seine Nähe, sein gutes Wort,
Freude an ihm, Friede über unsere Situation, stehen wieder auf,
haben wieder Mut.
Ja, da ist Nacht. Ja, da ist Dunkel. Aber es ist nicht
alles dunkel. Da ist auch Licht. Es ist hell in der Nacht, wie bei
Vollmond. Ich kann sitzen, stehen, gehen, liegen, lachen, einsam
sein und es ist Licht. Ich bin nicht alleine. Gott ist an meiner Seite.
Seine Rechte führt mich. Finsternis wird Licht.

Ich lese weiter. Der Beter blickt zurück und nach vorne in seinem Leben.
Er erkennt, dass er von Anfang an von Gott gewollt ist.
13 Du hast mich mit meinem Innersten geschaffen, im Leib meiner
Mutter hast du mich gebildet. 14 Herr, ich danke dir dafür, dass du mich
so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du
geschaffen hast – das erkenne ich! 15 Schon als ich im Verborgenen
Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner
Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen. 16 Als ich gerade erst
entstand, hast du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast
du in dein Buch geschrieben – noch bevor einer von ihnen begann!
17 Wie überwältigend sind deine Gedanken für mich, o Gott, es sind so
unfassbar viele! 18 Sie sind zahlreicher als der Sand am Meer; wollte ich
sie alle zählen, ich käme nie zum Ende!

Als du noch im Leib deiner Mutter warst, hat Gott sich gefreut. Er hat
dich im Mutterleib geformt. Du bist gewollt und geliebt von Beginn an.
Jeremia, der große leidende Prophet, findet seinen Halt darin. Gott
tröstet ihn: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und
sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte
dich zum Propheten für die Völker. (Jer. 1,5) Jesaja bekommt denselben
Zuspruch: „Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an, er hat an
meinen Namen gedacht, als ich noch im Schoss der Mutter war.“ (Jes.
49,1)
Gott hat einen Plan, eine Idee mit unserem Leben. Das heißt nicht, dass
das Leben nur schön würde. Das können wir auch an den Propheten
sehen. Aber du bist sein Zeugnis mit deinem Leben. Auch mit dem, was
schwer ist. Er hat es vorher gesehen. Alle deine Tage waren in sein
Buch geschrieben, lesen wir. Jedes geborene Kind ist eine
Wiederholung der Schöpfungsgeschichte. Wie er Adam und Eva gewollt
hat, so hat er dich gewollt. „Er hat uns gebildet unter der Erde“ lesen wir.
Als hätte er Erde genommen und dich geformt. Ganz am Anfang. Jedes
Kind im Mutterleib ist ein Wunder. „Ich danke dir dafür, dass ich
wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt
meine Seele!
“ (V. 14) Was für ein Trost! Was für ein Zuspruch! Was für
eine Selbsterkenntnis: Ich bin wunderbar gemacht!
Wie geht es dir damit? Wie siehst du dich, wenn du vor dem Spiegel
stehst? Ist Dein Bauch nicht viel zu dick? Oder hast du viel zu dünne
Beine? Dein Kinn ist weit vorgerückt. Deine Ohren stehen ab. Du hast
grüne Augen und blaue wären so viel schöner? Wie gefällt dir deine
Kleidung? Und wie gefällt dir dein Charakter? Regierst du, agierst du,
redest du, schweigst du immer so, wie es dir gefällt? Kannst du dich vor
Gott stellen und sagen: „Danke, Herr, dass ich wunderbar gemacht
bin!?

Du darfst dich vor Gott stellen und sagen: „Ich bin wunderbar!“
Wunderbar heißt nicht perfekt. Niemand ist vollkommen. Keiner und
keine entspricht hundertprozentig den eigenen Wünschen oder den
Vorstellungen anderer. Aber du bist ein Original. Einzigartig.
Gewollt. Gut so. Wer soll deinen Wert bestimmen? Wessen Urteil ist
dir wichtig? Von wessen Beurteilungen machst du dich abhängig?
Wer hat das erste und letzte Wort über dich zu sprechen? Du darfst
Du sein. Als Gottes geliebter Mensch! „Ich danke dir dafür, dass ich
wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt
meine Seele.“
Wer so staunen kann, lernt über sich selbst, der hat auch
die Freiheit über andere zu staunen, sie anzunehmen, sie zu lieben, für
sie da zu sein.
Ich lese weiter. Die nächsten Verse sind wie ein totaler Bruch. Der
Psalmbeter hat Feinde. Menschen, die ihn von Gottes Weg abbringen
wollen.
19 Mein Gott! Wie sehr wünsche ich, dass du alle tötest, die sich dir
widersetzen! Ihr Mörder, an euren Händen klebt Blut! Mit euch will ich
nichts zu tun haben! 20 Herr, wenn diese Leute von dir reden, dann tun
sie es in böser Absicht, sie missbrauchen deinen Namen. 21 Herr, wie
hasse ich alle, die dich hassen! Wie verabscheue ich alle, die dich
bekämpfen! 22 Deine Feinde sind auch meine Feinde. Mein Hass auf sie
ist grenzenlos!

Das liest sich sehr sperrig, ja widersprüchlich, wenn wir an Jesus
denken. Hat er nicht gesagt, wir sollen unsere Feinde lieben? Hat er
nicht gesagt, wir werden verurteilt, wenn wir andere verurteilen? Hat er
nicht gesagt, wir sollen die andere Wange auch noch hinhalten, wenn wir
geohrfeigt und so erniedrigt werden? „Den Alten ist gesagt“, predigt
Jesus, „ich aber sage euch!“ „Ein neues Gebot gebe ich euch!“
Was kann man positiv aus diesen Versen nehmen?
Erstens: Wir dürfen offen sprechen vor Gott. Auch unsere Wut,
unseren Zorn, wenn wir verletzt und angegriffen werden: Wir dürfen
es vor Gott aussprechen.

Zweitens: Es geht um Gottes Sache. Der Beter weiß sich auf Gottes
Seite. Eben darum wird er von anderen angegriffen. Sie wollen ihn
abbringen von seinem Weg mit Gott. Sie vertrauen Gott nicht. Der Beter
sagt nicht „ich werde angegriffen“, sondern „über dich reden sie voller
Tücke“, „über Dich erheben sie sich.“
Drittens: Der Beter greift nicht selber an. Er greift nicht zur Waffe. Er
überlässt Gott das Gericht. Sie stellen sich gegen Gott. Er soll urteilen.
Er soll das Gericht vollziehen. „Die Rache ist mein!“ spricht der Herr, (5.
Mose 32,35) Er wird selber für Gerechtigkeit sorgen. Du brauchst nicht
gegen andere zu kämpfen.
Das ist ein Versuch, Positives in diesen Versen zu finden: Wir dürfen
offen beten, es geht um Gottes Sache und wir überlassen Gott das
Gericht. Dennoch bleibt es dabei: Als Christen sind wir gehalten, zu
vergeben und zu segnen.
Und am Ende von Psalm 139 bittet der Beter, dass Gott sieht, wo er auf
einem falschen Weg ist, wo er sich irrt, wo er selbst Gottes Weg
verlassen hat. Er hat nicht den Anspruch, dass er schon alles richtig
erkannt hat. „Bitte leite mich auf deinen Weg, wo ich ihn verlassen habe.“
Ich lese weiter:
23 Durchforsche mich, o Gott, und sieh mir ins Herz, prüfe meine
Gedanken und Gefühle! 24 Sieh, ob ich in Gefahr bin, dir untreu zu
werden, und wenn ja: Hol mich zurück auf den Weg, den du uns für
immer gewiesen hast!

Gott sieht alles. Gott ist immer da. Es ist ihm nichts verborgen.
Gott ist mir in seiner Liebe näher als mein Unterhemd.
Gott selbst ist es, der mir nachgeht, der mich festhält.
Er ist der immer treue und aktive Part in unserer Beziehung.
Selbst vor unserer Sünde schreckt der heilige Gott nicht zurück.
Er sucht dich und mich, er findet dich und mich, er will dich und
mich leiten.
Ihm gehört das Gericht über dich und mich und über alle
Menschen.
Und du bist wunderbar!
Amen.